Kommentar von JOST MAURIN

Industriell gefangenen Fisch verschmähen sogar Fischer. Bild: ap
Es gibt Fisch zum Essen und Fisch zum Verkaufen. Fisch zum Essen kommt frisch von kleinen Kuttern; wenn man ihn am Kopf greift, steht der Rest des Körpers in der Luft. "Das ist extreme Qualität. Sowas esse ich sehr gerne", sagt Händler Philippe Cleuziou. Was man vom Fisch zum Verkaufen nicht behaupten kann. Ihn liefern industrielle Fangflotten, die wochenlang auf See bleiben, bevor sie ihre tiefgekühlte Fracht an Land bringen. Wenn Cleuziou diesen Fisch am Kopf packt, biegt sich der Körper nach unten. "Sowas würde ich nicht essen", sagt Cleuziou.
Der Regisseur Erwin Wagenhofer zeigt diese Szene in seinem Dokumentarfilm "We feed the world". Seine Botschaft ist klar: Die industrialisierte Massenproduktion von Lebensmitteln ist weder gut für die Umwelt noch für die Menschen selbst.
Um diese These zu belegen, lässt Wagenhofer die Kamera zum Beispiel über die spanische Tomatenanbauregion Llanos de Almería fliegen. Sie besteht von oben aus gesehen nur aus weißen Plastikplanen, den Dächern der Gewächshäuser. Die Natur hat hier keinen Platz. Die Ausmaße der Gemüsefabriken wirken gigantisch. In einem dieser Treibhäuser erklärt ein Agronom, dass die Tomatenpflanzen nicht auf natürlicher Erde, sondern einer Art Schwamm wachsen, der über Schläuche mit Nährstoffen getränkt wird. Nach dem Pflücken rollen tausende Tomaten wie rote Plastikbällchen auf ein Fließband: Alle sind genau gleich groß, haben keine Flecken und vermutlich auch keinen Geschmack.
In einem österreichischen Hühnchen-Mastbetrieb zeigt Wagenhofer hunderte gelber Knäuel, die flinke Hände auf ein Fließband werfen und in Plastikkörben verstauen. Nur das ständige Fiepen weist daraufhin: Das sind Küken. Hässlich wirken diese Bilder kaum. Der Schrecken kommt sogar ganz elegant daher: Die gefilmten Anlagen sind sauber, geordnet, das Auge kann an klaren Linien entlanggleiten. Aber genau deshalb strahlen diese Aufnahmen eine extreme Kühle aus und unterstreichen so die Botschaft: dass der industrialisierten Lebensmittelproduktion der Respekt vor dem Lebewesen weitgehend verloren gegangen ist.
Dieser Nachweis gelingt Wagenhofer. Aber er will mehr, und dabei überhebt er sich zuweilen. "In Europa soll der Fischfang zur Gänze industrialisiert werden. Dazu wird das Wissen der autonomen Fischer benötigt", behauptet der Regisseur in einer Texteinblendung. Leider belegt er diese These nicht ausreichend. Die vorhergehenden Bilder zeigen nur, wie unabhängige Fischer ihrem Handwerk nachgehen und wie sie in ein Logbuch ihre Fangdaten eintragen. Aber nutzt die Europäische Union diese Daten wirklich dazu, die Fischer der Industrie auszuliefern? Ein Fischer sagt das im Interview, aber dem kritischen Zuschauer dürfte das kaum reichen.
Das ist unbefriedigend, doch das dominiert nicht den positiven Gesamteindruck. Denn es überwiegt das, was Wagenhofer am besten kann: Bilder, die für sich sprechen.
"We feed the world", Di, 22.45 Uhr
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