Nach ihrer Kritik am bayerischen Schulsystem wird eine Grundschullehrerin abgestraft. Ihr wurde vorgeworfen, Schüler zu gut zu benoten.von CHRISTIAN BLEHER

Wenn zu viele Grundschüler aus einer Klasse auf Gymnasium und Realschule wechseln, werden bayerische Schulräte stutzig. Bild: AP
Unmittelbar nachdem sie sich kritisch über die Benotungspraxis im bayerischen Schulsystem geäußert hat, ist die Grundschullehrerin Sabine Czerny von ihrer Schule in München-Germering versetzt worden. Am letzten Schultag, also zwei Tage nach Erscheinen eines Artikels in der taz (Ausgabe vom 30. Juli), wurde ihr der blaue Brief überreicht. Kernbotschaft: Sie habe ab sofort in einer bestimmten anderen Grundschule desselben Landkreises zu unterrichten.
Die für die Versetzung verantwortliche Schulrätin Henriette Lemnitzer will sich mit Rücksicht auf das Gebot der Amtsverschwiegenheit dazu nicht äußern, bestreitet jedoch, dass es darum gegangen sei, "jemanden zu bestrafen". Manche Dinge müsse man allerdings tun, auch wenn sie unangenehm seien -- "zum Wohle aller".
Sabine Czerny hat freilich den Eindruck, dass es weder um ihr Wohl ging, noch um das der Kinder, die sie nach intern bekundeter Einschätzung von Schulleitung und Schulamt - gemessen an den Noten - zu erfolgreich unterrichtet hat. Statt zu fragen, mit welchen Methoden sie es geschafft habe, dass 91 Prozent der Kinder aus ihrer vierten Klasse auf Realschule und Gymnasium wechseln durften, sagt die Lehrerin, habe ihr das Schulamt nun vorgeworfen, "den Schulfrieden nachhaltig gestört zu haben". Keine gute Empfehlung für ihren ersten Arbeitstag in neuem Umfeld.
Nicht erst seit der Veröffentlichung des Falls vor einer Woche hatte die 36 Jahre alte Pädagogin, die seit über zehn Jahren unterrichtet, derartige Vorwürfe zu hören bekommen, sondern schon zu Beginn des Jahres. Da hatten ihre Kinder in mehreren klassenübergreifenden, vergleichenden Arbeiten Einser-Notenschnitte erzielt. Czerny hatte sich durch die Schulleiterin genötigt gesehen, die Notenschnitte der Gauß'schen Normalverteilung anzupassen -- damit etwa gleich wenige Kinder aus allen drei vierten Klassen auf höhere Schulen wechseln würden. Ähnliches war ihr an ihrer Vorgängerschule widerfahren. Der damals zuständige Schulrat hatte sie explizit aufgefordert, das Niveau dem der Parallelklassen anzupassen.
Das Bayerische Kultusministerium bezieht zu diesen Vorgängen keine Stellung, solange sie nicht den offiziellen Charakter eines „Dienstvorganges“ haben, wie ein Sprecher mitteilte. Es gebe von Seiten des Ministeriums keine Aufforderung, bessere oder schlechtere Noten zu erteilen. Ganz allgemein fordere das Ministerium dazu auf, dass „vergleichbare Leistungen auch vergleichbar bewertet werden.“
Die Schulleitung der aktuellen Schule im Westen von München verwahrte sich in einer unveröffentlicht gebliebenen Presseerklärung im Namen der Kolleginnen und Kollegen gegen Czernys "böswillige Unterstellungen". Mitglieder des Kollegiums dementieren jedoch auf Nachfrage nachdrücklich, dass sich die Schulleitung auf sie berufen könne. Der Brief sei lediglich vom Konrektor und drei weiteren KollegInnen verfasst und nicht mit den restlichen etwa 20 LehrerInnen abgesprochen worden.
Sabine Czerny hat einer Lehrkraft zufolge nicht den Schulfrieden gestört und KollegInnen schlecht gemacht, wie manche in Unkenntnis des wahren Sachverhaltes ihr vorwarfen, sondern habe im Gegenteil auf systembedingte Probleme aufmerksam gemacht, unter denen sehr wohl auch andere an ihrer Schule litten. Dazu gehöre auch der in entwürdigender Form aufgebaute Druck, mäßige Notenschnitte sicherzustellen. Ein anderes Mitglied des Kollegiums versichert, Czerny stets als "sehr kollegial und kompetent" erlebt zu haben, an den Kindern ihrer Klasse habe man deutlich ablesen können, wie gut sie sie erreiche.
In solidarischem und bisweilen sogar bewundernden Ton gehalten waren auch die meisten der vielen öffentlichen Reaktionen auf Sabine Czernys offene Klage über die Zwänge eines selektiven Schulsystems, das schon ab der zweiten Jahrgangsstufe auf Noten fixiert ist und Lehrer dazu zwingt, Versager zu produzieren. Einige Leser aus dem Bildungsbereich baten Czerny sogar um eine Zusammenarbeit.
Die Eltern ihrer ehemaligen vierten Klasse wollen sich derweil in einem offenen Brief geschlossen an das Schulamt, den bayerischen Kultusminister Siegfried Schneider sowie Bundes-Bildungsministerin Annette Schavan wenden, um auf die grundsätzlichen Missstände aufmerksam zu machen. Darin heißt es unter anderem: "Wir Eltern haben mit Staunen wahrgenommen, wie sich unter der Arbeit von Frau Czerny das Arbeitsverhalten unserer Kinder verbessert hat: Sie lernen gerne, sie wollen wissen und entdecken und sind mit Feuereifer bei der Sache."
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Leserkommentare
19.08.2011 11:51 | Martin Sigl
Ich meinte wirklich Lehrer werden zu sollen, um die Schule "besser zu machen". Staatsexamen als Lehrer (Sek I) in München P ...
06.09.2008 18:54 | Fritz Nestle
Hallo Criticos, ...
28.08.2008 16:29 | Criticos
Mich wundert es allerdings sehr, wer sich hier alles und wie sehr wundert. Seid ihr denn nicht alle selber in die Schule ge ...