Kommentar von ELMAR KRAUSHAAR
… muss nicht immer homosexuell bleiben. Das steht nirgendwo geschrieben, und keiner wird dazu zwangsverpflichtet nach dem ersten Analverkehr. Außerdem gibt es viele gute Gründe, das kuschelige Identitätsgefängnis zu verlassen: der gnadenlose Alten- und Tuntenhass in der Gemeinde, eine Promi-Galionsfigur wie die reaktionäre Husche Udo Walz, das Diktat der Dummheit alljährlich zum CSD. Ein ganz anderer, wunderbarer Grund ist die Liebe.
Klaus ist 51 jetzt, hat vor drei Jahren Lena geheiratet und ist gerade Vater geworden. Klaus strahlt. 1975 war Klaus aus dem niedersächsischen Bad Salzdetfurth nach Berlin gekommen, froh der Provinz entkommen zu sein und bereit, die schwule Metropole zu erobern. Nichts hat er ausgelassen, ist in Stöckelschuhen über den Ku'damm marschiert, hat die Kerle gewechselt in einer Tour, ist abgestürzt zwischen Drogen und Selbstmitleid, hat noch einmal die Kurve gekriegt und die Pest überlebt, bis er ruhiger wurde, sich manchmal sogar verliebte und schließlich einen Mann abgekriegt hat, der häuslich war und tolerant.
Das Leben hätte so weitergehen können für Klaus, doch mit 45 war auf einmal Schluss. Klaus ist ein hübscher Mann, mit grauen Haaren jetzt und raspelkurz. Natürlich schauen ihm die Frauen nach, und einmal hat er zurückgeblickt. Lena. Klaus ist nervös geworden und hat eine Sehnsucht gespürt wie kaum je zuvor. Mit keinem hat er darüber geredet, und bis er die Telefonnummer von Lena ausfindig gemacht hatte, vergingen ein paar Wochen. Jetzt sind sie längst verheiratet. Verheiratet! Mit Trauzeugen und Kirche, und die Eltern haben geweint. Ein paar alte Freunde von Klaus waren auch dabei, im Fummel und aufgedonnert wie zu einer Filmpremiere. Klaus war stolz an seinem Hochzeitstag, unglaublich stolz, und wusste nicht einmal worauf.
Obwohl ein paar alte Freunde auch nicht gekommen sind. Dass einer so einfach abhaut aus ihrer Welt, ging ihnen nicht in den Kopf. Was hatte sie, was sie nicht haben? Am besten wäre es, man verliert kein Wort mehr darüber, Klaus ist einfach weg. Auf und davon. Basta! Homosexuelle Männer können verdammte Memmen sein, geht es um ihre Homosexualität und die Angst davor, sie zu verlieren. Da sind sie um keinen Deut besser als ihre heterosexuellen Brüder.
Männer wie Klaus tauchen in keiner Statistik auf, niemand zählt, wie viele die Seite wechseln im Laufe eines Lebens. Aus Liebe und nichts weiter als aus Liebe. Dabei sind es gar nicht mal so wenige, erst kürzlich habe ich einen von ihnen mit Frau und zwei Kindern in der Gala gesehen, so prominent ist er inzwischen, und 1979 wollten wir noch gemeinsam den Heteroterror besiegen.
Klaus habe ich vor ein paar Wochen kennengelernt, er war schlecht drauf und schimpfte auf die Intoleranz der Welt. Auf die Schwulen, die ihn jetzt nur noch von weitem grüßen, wenn er über die Berliner Motzstraße geht. Und die Heteros! "Die Heteros", sagte er, "sind eigentlich noch viel schlimmer. Da muss ich aufpassen, dass sie mir nicht ständig auf die Schulter schlagen und gratulieren, weil ich es doch noch geschafft hätte vor Toresschluss. Warum hat mir das keiner vorher gesagt, dass Heteros so dämlich sein können?"
Die Wahrheit auf taz.de
Leserkommentare
07.08.2008 11:10 | Rehse
Zu Stefan -. mir als sogen. "Hetero" hat Dein Beitrag am besten gefallen. Was sollen das nur für Liebe sein, die auf das OK ...
07.08.2008 10:27 | HenryPitau
Ihren Kommentar hier eingeben ...
06.08.2008 23:58 | idealer
Das schafft es Kraushaar mal einen für seine Verhältnisse humorvollen Text zu liefern, schon wird er von der komplett humor ...