Die SPD braucht mehr als Rituale

Pils und Korn auf Ex reichte nicht mehr

Obwohl er die Rituale der Bochumer Hinterzimmer beherrscht, hat Wolfgang Clement den Draht zur Partei verlorenvon HOLGER PAULER

Die richtige Atmosphäre für Clement. Nur das mit dem "Wir" hat nicht geklappt  Bild:  ap

BOCHUM taz Seit 60 Jahren regieren die Sozialdemokraten in Bochum. Der Unterbezirk ist einer der mitgliederstärksten der gesamten Partei. Doch auf dem Wochenmarkt im Stadtteil Ehrenfeld reden die Menschen lieber über das Wetter als über Wolfgang Clement: "Ist mir egal", sagt ein ehemaliger Opelaner: "Ich bin vor drei Jahren aus der Partei ausgetreten. Nach 35 Jahren. Wegen Hartz IV."

Die Probleme der Klientel sind auch die Probleme der Partei. Hier, wo Wolfgang Clement in den 1960er-Jahren als Mitarbeiter der IG-Bergbau-Zeitschrift Einheit seine ersten journalistischen Gehversuche machte, wo die SPD bei Wahlen immer noch die Hälfte der abgegebenen Stimmen bekommt, bei den Sommerfesten aber nur noch wenige dutzend Genossinnen und Genossen bei Pils und Bratwurst zusammensitzen, hat die SPD den Kontakt zur Basis verloren.

"Wolfgang Clement musste bestraft werden", sagte der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Bochum-Hamme, Rudolf Malzahn, gestern. Die SPD habe durch Clements Politik zehntausende Mitglieder sowie Millionen Wähler verloren. Seine Äußerungen zur Hessenwahl gaben den letzten Kick. "Er ist seitdem nicht mehr tragbar", begründet Malzahn den Antrag zum Parteiausschluss.

In Hamme sind sie besonders sensibel, wenn es um neoliberale Auswüchse geht. Der nördliche Stadtteil gehört zu den ärmsten der Stadt. Die Arbeitslosenzahl ist hier höher als woanders, und im Westen qualmen die Schornsteine von ThyssenKrupp auf Sparflamme. Der dortige Betriebratsvorsitzende leitet auch die SPD-Betriebsgruppe: "Meine Kollegen haben mir gesagt: Entweder geht der aus der Partei oder wir." Die Kollegen blieben. Andere gingen schon vorher. Bei der Kommunalwahl 2005 schaffte es in Hamme sogar eine "Soziale Liste", bestehend aus alten DKP- und PDS-Kadern, ins Bezirksparlament. Auch dank Clement.

Axel Schäfer, Bochumer Bundestagsabgeordneter und seit 1974 Vorsitzender des Ortsvereins Querenburg, hat Wolfgang Clement "äußerst kollegial" kennen gelernt. Damals war Clement noch Sprecher bei Willy Brandt. Später als Ministerpräsident von NRW habe er sich völlig gewandelt. "Wolfgang Clement ist seitdem egoistisch und beratungsresistent", so Schäfer. Sein persönlicher Wandel und auch seine abweichenden Meinungen zur Energiepolitik seien allerdings noch kein Grund gewesen, ihn aus der Partei auszuschließen. "Wer aber dazu aufruft, seine eigene Partei nicht zu wählen, geht wohl zu weit." Das verzeiht die Familie nicht.

Vielleicht liegt der mangelnde Rückhalt auch daran, dass Clement in der Bochumer Politik nie eine wirkliche Rolle gespielt hat. In den 1980ern zog er nach Bonn, irgendwann sei er nur noch zu Parteitagen oder größeren Versammlungen nach Bochum gekommen. Auch die Tatsache, dass er ähnlich wie sein Genosse und Verteidiger Otto Schily die als bürgerlich verschriene Graf-Engelbert-Schule an der Königsallee besuchte, kam nicht bei allen Genossen gut an. "Er war nie einer von uns", sagt ein Bochumer Ratsmitglied. "Die Ortvereine leben vom Ehrenamt, vom ,Wir', aber Clement hat immer nur an sich gedacht."

 

Die Rituale beherrschte er trotzdem: in den Hinterzimmern von verqualmten Eckkneipen die Situation der Partei und der Stadt bequatschen, Frikadellen und Soleier verzehren und in schöner Regelmäßigkeit sich ein Herrengedeck kommen lassen: Kopf in den Nacken, das Zäpfchen zurückgeklappt, Pils und Korn auf Ex, ohne zu schlucken. Doch irgendwann reichte das nicht mehr. Die Kumpel von der Zeche und die Stahlarbeiter starben aus, die Langzeitarbeitslosen kehrten der Partei wegen der Agenda-Politik den Rücken und die Akademiker vergnügten sich lieber bei Rotwein und Pasta. "Es ist uns irgendwann nicht mehr gelungen, den Mittelbau der Partei inhaltlich mitzunehmen", sagte Clement vor einem Jahr in einem Interview der taz. Jetzt hat der Mittelbau ihn abgeschossen.

HOLGER PAULER

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