• 28.07.2008

Ein Bett in Berlin (2)

Zwölf Zimmer, 50 Jahre Erfahrung

Die 88-jährige Maria Nagott will ihren Gästen im Haus Franken in Berlin-Lichterfelde ein Zuhause bieten. Einbrecher verscheucht die Chefin persönlich, als Werbeträger setzt sie auf den Bezirksbürgermeister.von KRISTINA PEZZEI

Es ist Sommer. Alle fahren in  den Urlaub. Weg aus Berlin. Oder gerade dorthin. Denn längst ist Berlin zur Touristenstadt mutiert. Allein im Monat Mai übernachteten 728.300 Gäste in Berliner Herbergen.

Die taz hat sich ihnen angeschlossen - und eine Reihe von Schlafplätzen in Berlin getestet.

Wenn es um ihr Haus geht, kennt Maria Nagott keine falsche Bescheidenheit. Als der Bezirksbürgermeister von Steglitz-Zehlendorf ihr zum 50-jährigen Bestehen des Hotels gratulierte, schrieb die gebürtige Fränkin zurück: "Vielen Dank für die Glückwünsche. Die beste Werbung wäre sicherlich, Sie kämen einmal vorbei." Zwei Tage später stand Norbert Kopp vor der Tür. Seitdem gibt es auch einen Link von der Internetseite des Bezirks zum Hotel Haus Franken.

Es ist vor allem dem Pragmatismus der 88-jährigen Gründerin zu verdanken, dass es das Hotel noch gibt. Verwunschen liegt es am Hochbergplatz in Lichterfelde, abseits der Hauptstraße, eingerichtet in einer Gründerzeitvilla. Auf dem Klingelschild am Gartenzaun steht "Hotel". Weiße Haare, ordentlich frisiert, frischer Teint, Hose und Bluse in gedecktem Gelb - die Chefin empfängt persönlich. Ein fester Händedruck.

Im Foyer des herrschaftlichen Gebäudes stehen schwere Holzmöbel, dunkle Balken prägen den Bereich. Zwölf Zimmer hat Nagott eingerichtet, oben unterm Dach schläft sie selbst. "Auch mit Krücken bin ich da hochgestiegen, unten kann ich einfach nicht schlafen." Morgens schleicht Katze Mohrle ins Dachgeschoss und weckt Nagott. Unten, neben dem Frühstücksraum, sind die Privaträume der Hotelchefin. Wohn- und Aufenthaltszimmer mit Polstersesseln, voller Nippes und Fotografien.

Der äußere Raum öffnet sich zur Terrasse. "Den Garten schaffe ich nicht mehr allein, da hilft mein Schwiegersohn", erzählt sie mit Blick auf das ausladende Grundstück. Auf Rasen und Terrasse stehen Liegestühle für die Gäste bereit, hinten lädt ein überdachtes Häuschen zum Verweilen ein. Abends lässt Nagott eine Jalousie zwischen ihren zwei Zimmern herunter; der Rollladen ist am unteren Ende abgeschabt. "Das waren Einbrecher", sagt Nagott. Vor ein paar Jahren habe sie Stimmen gehört, als sie gerade ins Bett gehen wollte. Offensichtlich hatten Männer die Terrassentür aufgebrochen, dann versuchten sie, ins Haus vorzudringen. "Ich habe mich hingestellt und gerufen: ,Hilfe! Mörder!', so laut ich konnte." Ihre Reaktion ärgert sie immer noch. "Ich hätte die Einbrecher reinkommen lassen sollen und schnell die Polizei rufen, dann hätten wir sie geschnappt."

Nagott und ihr Mann entdeckten die Villa dank einer Zeitungsanzeige. Ihr kam bei der Besichtigung sofort die Idee, eine Pension einzurichten, er unterstützte sie. Zur Eröffnung 1958 sprachen die Journalisten von einer "Schrippenküche". Gleichwohl, die Anfangsjahre liefen prächtig, auch dank der Werbung in örtlichen Kinos. Es waren die Zeiten, in denen die Nagotts bisweilen die Flügeltüren zu ihrem Wohnzimmer öffneten, um die Gäste dort frühstücken zu lassen.

In den 70er-Jahren investierte das Ehepaar in Toiletten und Duschen auf den Zimmern. Das Haus erschwerte den Umbau, die Rohre ließen sich nicht so einfach durch das alte Gemäuer legen. Damals erhielten die Zimmer den Chic, der sie heute prägt. Jeder Raum ist in einem anderem Farbton gehalten, Bett, Tisch und teils in die Wand eingelassene Schränke schaffen eine funktionelle, schlichte Atmosphäre. Nur der Frühstücksraum, in dem Holzfiguren aus Franken stehen, erinnert an die Herkunft der Hotelchefin.

Der Einbruch kam für Maria Nagott nach der Wende. "Das waren schwere Jahre." Die Hotels sprossen aus dem Boden, die Besucher wollten ins vereinte Zentrum und nicht ins verstaubte Lichterfelde-Ost. Firmen wie IBM, die ihre Manager gern bei Maria Nagott einquartiert hatten, verließen die Gegend. Die Chefin musste eigenes Geld in die Hotelkasse schießen, schultern musste sie die Probleme ohnehin allein: Ihr Mann starb noch vor dem Mauerfall.

Inzwischen hat sich die Lage stabilisiert; ein Stamm von Besuchern - oft mit Familie, die in der Umgebung wohnt - mischt sich mit neuen Gästen, angelockt von der Werbung im Internet. "Aber die Atmosphäre hat sich verändert", erzählt Nagott verärgert. "Die Leute rufen an und fragen: Ich bleibe zwei Nächte: Wie viel Rabatt kriege ich?" Die Schnäppchenmentalität kann sie nicht nachvollziehen. "Und dann kommen die Gäste mit vollen Einkaufstüten vom Kudamm zurück."

Bei Schlitters ist es anders. Sie kommen seit Jahren, aus Verbundenheit zum Haus. "Es ist das Persönliche hier, das uns reizt", erzählt Manfred Schlitter. "Die Hotels in der Stadt, die sind so ungeniert." Der 70-Jährige und seine Frau kamen das erste Mal auf Empfehlung ihrer Kinder, die in Lichterfelde leben. Seitdem ist es für das Delmenhorster Paar zum Stammquartier geworden.

Die Aushilfskraft Andrea Reimer stellt fest: "Die Gäste sind hier keine Nummern." Reimer ist eine der drei Helferinnen, die bei viel Betrieb kurzfristig einspringen. Außerdem kommt die Tochter von Maria Nagott, inzwischen selbst fast 60 Jahre alt, jeden Tag aus dem Berliner Umland zur Unterstützung. Angelika Marschewski ist offiziell Geschäftsführerin, sie organisiert die meisten Buchungen. Reimer und ihre Kolleginnen kümmern sich ums Frühstück, sie bringen Kaffee, Brötchen und den Teller mit Butter, der mit einem Radieschen garniert ist.

Für Maria Nagott bedeuten die Helfer: mehr Zeit für sich selbst und Ruhe. Meist kommt sie gegen neun Uhr morgens herunter, liest die Zeitung, löst ihr Kreuzworträtsel. Einmal in der Woche spielt sie Doppelkopf, samt gemeinsamem Mittagessen zuvor. Seit die Tochter mit ihrem Mann ins Umland gezogen ist, verbringt Nagott die Abende im Hotel allein. Zur Nacht ein Glas fränkischen Weißwein, das hat sie sich aus der Heimat erhalten. Ein bisschen fernsehen, sich auf dem Laufenden halten - nicht zuletzt aus beruflichem Interesse: Sie muss mitreden können, wenn sie vormittags im Frühstückszimmer vorbeischaut, und sie muss die Wetterprognose im Kopf haben - Maria Nagott ist Profi.

Am Morgen bringt die Chefin den Gast zur Tür, ein Händedruck, ein pragmatischer Abschied. "Na dann", sagt sie, ohne zu schmunzeln. "Jetzt schreiben Sie einmal etwas Nettes."

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!