Rechte Symbole bei Mittelaltergruppen

Der Nazi im Kettenhemd

Auf Mittelaltermärkten sind sie Stars: Gruppen, die historische Ereignisse nachstellen. Wissenschaftler kritisieren: hier werden ideologisch verzerrte Geschichtsbilder vermittelt.von B. SELDERS & A. SPEIT

In die Kritik geraten: die Reenactment-Gruppe Ulfhednar.  Bild:  screenshot ulfhednar-germany.org

Schwerter kreuzen sich, Schilde donnern aneinander. Schlachtenlärm erfüllt die Luft. Kraftvoll fängt der Krieger mit langem Haar und ledernem Wams einen Schlag ab, hebt selbst das Schwert, stößt nach vorn. Sein bärtiger Widersacher weicht aus, schwingt erneut die Waffe. Wild sehen diese frühmittelalterlichen Krieger der Reenactmentgruppe Ulfhednar im Streite aus.

Reenactment, die Rekonstruktion der Geschichte durch das Nachspielen historischer Ereignisse, ist ein Publikumsmagnet in Museen und auf Mittelaltermärkten. Sie dient der seriösen Geschichtsvermittlung genauso wie der Wochenendfamilienbespaßung.

Wissenschaftliche Belege sollten die Grundlage der Ausstattung und Darstellung sein, sind es aber immer seltener, meint Jörg Nadler, Museumsfischer aus Schleswig, und beklagt Klischees, Klamauk und ideologisch durchsichtige Geschichtsverbiegungen. Mehrfach wurde Nadler, der seit den 90er-Jahren dabei ist, bedroht, weil er bei seinen Darstellungen historische Tatsachen verbreitet, die anderen nicht ins völkische Germanenbild passen, "von Gewandeten genauso wie von rechten Kameraden", empört er sich. "Besonders wenn es um die römische Kaiserzeit, um Germanen und um Wikinger geht, gibt es in den letzten Jahren immer wieder Kämpfe um die Deutungshoheit, die sich vor allem auf den Mittelaltermärkten abspielen."

In den Internetforen der Reenactmentszene wird der Umgang mit Rechten, "Eso- und anderen Spinnern", schon länger diskutiert. Eine Infiltration der Szene wird nicht gesehen, wohl aber die Instrumentalisierung durch Gruppen am Rande der Szene.

Die Profi-Gruppe Ulfhednar dagegen gehört zu ihren Stars. Die Mittelaltermärkte hat sie längst hinter sich gelassen, arbeitet für öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten und staatliche Museen, spezialisiert auf Wikinger und Kelten. "Zu Ehren unserer frühmittelalterlichen Ahnen" und als Kulisse für weitere Filmaufnahmen plant die Gruppe die Errichtung eines Museumsdorfs namens "Gervina" in Thüringen. Das Kapital der Gruppe ist eine erstklassige Ausstattung mit Nachbildungen historischer Waffen, Bekleidung und Schmuck.

Auffallend viele Hakenkreuze auf Schilden und Borten haben jetzt einige Fachleute der archäologischen Zunft genauer hinschauen lassen. Was sie schließlich sahen, war die Tätowierung der SS-Parole "Meine Ehre heißt Treue" in Sütterlin quer über dem Bauch eines Reanactors, fotografiert beim museumspädagogischen Rahmenprogramm der Paderborner Ausstellung "Eine Welt in Bewegung" am 28. April.

Auf dem Archäologentag in Mannheim geht die Geschichte wenig später als Skandal in die Fachwelt: Der Münsteraner Historiker Albrecht Jockenhövel ruft zur Distanzierung von Ulfhednar auf. Die Europäische Vereinigung der Freilichtmuseen EXARC reagiert "äußerst besorgt" und fordert eine Debatte über Standards.

Eine Diskussion, die schon vorher schwelte, war nun in den Leitungsetagen der Museen angekommen. "Längst überfällig", meint die Bremer Landesarchäologin Uta Halle, "in der Museumslandschaft mangelt es an Sensibilisierung für Geschichtsbilder, die durch Vorführungen entworfen werden." Karl Banghard, Leiter des Freilichtmuseums Oerlinghausen, mahnt: "Angesichts der Beliebigkeit der täglichen Informationsflut erwartet der Besucher von Museen Aussagen, die in einem hohen Maß allgemeingültig sind." Der enorme Leistungsdruck, jedes Jahr eine Großausstellung zu organisieren, führe aber zu einer "unkritischen Einkaufsmentalität".

Paderborn am 29. Juni: Der verdunkelte Saal des Bürgerhauses im Schlosspark ist bis auf den letzten Platz besetzt. Leicht nervöse Stimmung herrscht unter den etwa 120 Besuchern der Veranstaltung "Lebendige Wissenschaft oder verdeckte Propaganda" des regionalen Museumsverbands. Fast jedes Museum der Republik ist vertreten. Befremdende Zugangshürden zeigen, wie aufgeheizt die Stimmung schon im Vorfeld war: Für die Teilnahme an der öffentlichen Podiumsdiskussion war eine schriftliche Anmeldung mit Angabe der Privatadresse erforderlich.

Der aktuelle Anlass wird zum Zentrum der Debatte: Ulfhednar. Die Kritisierten kommen sogleich zu Wort. Arian Ziliox, Gründer und Vorsitzender von Ulfhednar, erklärt, der tätowierte Darsteller sei nur eingesprungen, kein Mitglied der Gruppe, ein Neuer, kaum bekannt und selbstverständlich für die Zukunft disqualifiziert.

Um das Tattoo geht es aber längst nicht mehr. Karl Banghard zeigt Bilder: Hakenkreuze auf Pferdedecken, Bekleidung und Standarte - Repliken, die genau an dem Punkt stark vom Original abweichen. Er resümiert: "Die Häufung von Hakenkreuzen steht in keiner Relation zu dem tatsächlichen Stellenwert des Ornaments in der frühmittelalterlichen Kunst." Die politische Selbstverortung der Gruppe sei in diesem Kontext irrelevant, zu bewerten sei einzig die mit verzerrten Geschichtsbildern transportierte ideologische Botschaft, die in Museen nichts zu suchen habe.

Aussagen, die Wilfried Menghin, ehemaliger Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der staatlichen Museen zu Berlin, nicht teilt. Note "Fünf" hätte Banghard bei ihm im Seminar erhalten, donnert er los. Ein Raunen geht durchs Publikum. Sie wissen, Menghin fühlt sich kritisiert. Denn 2004 bei der Eröffnung der frühgeschichtlichen Abteilung des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin war Ulfhednar engagiert worden - eine Art Qualitätssiegel. Nach der eindeutigen Benotung räumt Menghin jedoch ein, dass diese Zurschaustellung der Hakenkreuze nicht ganz so glücklich gewesen sei.

Diese Inszenierung will Ziliox jedoch geradezu antifaschistisch verstanden wissen. Er fordert, die Vergangenheit ohne Tabus neu zu entdecken, um zu erkennen, dass das Sonnenrad, die Swastika, "nicht nur Hass und Rassismus transportiert".

Mehr als fragwürdig findet der katholische Sozialethiker Harald Baer solche Rückgriffe auf unschuldig ahnungslose Vorzeiten. "Genauso, wie man heutzutage bei dem Wort ,Auschwitz' nicht mehr nur an eine ,idyllische' Ortschaft denken kann, genauso wenig kann man ein Hakenkreuz unvorbelastet betrachten, selbst wenn es belegbar ist."

Eine Antifa-Verschwörung, bestehend aus Publizisten, Historikern und Archäologen, für die es gelte, "jeglichen positiven Bezug auf Deutschland und deutsche Identität zu verweigern", vermag außer dem Vereinsvorsitzenden Ziliox niemand auszumachen. Als deren Opfer hatte er sich im Mai in einer Erklärung zu den Vorwürfen präsentiert.

Historische Spektakel sind auch fester Bestandteil von Szenen jenseits des etablierten historischen Geschäfts. Eine Mischung aus Musik, Lifestyle und Reenactment als identitätsstiftende Geschichtsdarstellung findet man zum Beispiel auch beim riesigen Leipziger Wave-Gotik-Treffen, genauso wie auf kleinen Festivals der ausdifferenzierten Heavy-Metal-Szene.

Vor allem die schick gewordene Mystifizierung neugermanischen Heidentums als Urreligion "unserer Vorfahren" bildet das Scharnier ins völkische Milieu und macht rechtsextreme Ideologien anschlussfähig.

Auch hier stößt man auf Ulfhednar. Mitglieder der Reenactmentgruppe treten als Band Menhir auf. Die Liveacts finden in merowingerzeitlichen Trachten statt. Schlichte Verse wie "Runen lesen, Runen ritzen und der Harfe Saiten rühren - schmieden eine zähe Klinge und im Streit sie ehrlich führen" werden gesungen von Männern, die man sich passender auf einem Motorrad vorstellen kann.

Auf der Homepage der Pagan-Metal-Band findet sich ein Interview mit dem Metal-Magazin Legacy. Hier wird die programmatische Ideologie der Band erläutert: "Die Kirche, welche Schuld daran trägt, dass unser einstiges heidnisches Gedankengut so gut wie ausgelöscht ist, verdient nur unseren Hass und unsere Abscheu. Wir kämpfen jetzt noch auf dem ideologischen Weg gegen sie an, indem wir alte thüringische Überlieferungen, den Alltag unserer Vorfahren und die heidnische Götterwelt in unseren Liedern zum Leben erwecken."

Menhir ist eine von vielen Bands, die derzeit solche Botschaften verkünden. Das Wissen um das "einstige heidnische Gedankengut" speist sich aus völkischen Interpretationen römischer Überlieferungen, denn die Quellenlage ist dünn und bietet viel Spielraum für ideologiegeleitete Spekulationen. Hier sehen Doreen Mölders und Ralf Hoppadietz von der Universität Leipzig die Verantwortung der Archäologie: aufklärend einzugreifen.

Auch um eine weitere Auseinandersetzung über Geschichtsbilder wird die Fachwelt nicht herumkommen. Soll ein tolkingeprägter Publikumsgeschmack bedient werden, der nach martialischen Kriegern in Trockeneisnebel verlangt, oder soll mit der Spärlichkeit der Quellen aktiv versucht werden, die Mythen zu dekonstruieren? "Die Auseinandersetzung hat gerade erst angefangen", meint die Bremer Landesarchäologin Uta Halle. Gerade rechtzeitig. Im nächsten Jahr ist mit dem 2000-jährigen Jubiläum der Varusschlacht ein wahrer Germanenboom zu erwarten.

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