Denunziantentum für jedermann: Mit rottenneighbor.com kann jeder seine doofen Nachbarn anschwärzen. Von "assozial" über Drogenticker bis "Ossischlampen".von DÖRTE SCHÜTZ

Mal wieder unkontrolliertes Schmähen im Netz: rottenneighbor.com Bild: ap
Das amerikanische Onlineforum www.rottenneighbor.com hat sich den Kampf gegen die letzte Unwägbarkeit beim Häuserkauf auf die Fahnen geschrieben: den unbekannten Nachbarn.
Hier können potenzielle Interessenten per Satellitensystem die infrage kommende Wohngegend schon einmal vorsondieren. Und hoffen, dass ein mitteilungsbedürftiger Anrainer bereits ein kleines, virtuelles rotes oder grünes Häuschen am Ort der Begierde hinterlassen hat. Rot heißt: Finger weg von dieser Nachbarschaft! Grün heißt: Nestbau Erfolg versprechend.
Im Großraum Berlin finden sich derzeit knapp zwanzig solcher Häuschen. Ein Klick, und es erscheint ein Kommentar zur aktuellen Nachbarschaftssituation. So ist zu erfahren, dass ausgerechnet in der geschichtsträchtigen Wilhelmstraße (Reichskanzleramt!) Personen mit "asozialem Verhalten" verkehren, die "den Abend bis zum Sonnenaufgang ausklingen lassen mit viel Qualm und Lärm", im gebärfreudigen Prenzlauer Berg "too many children" wohnen - in der Else-Jahn-Straße hingegen "2 Ossischlampen". In Mitte wurden "düstere arabische Gestalten" gesichtet, die "Drogen von Hasch, Gras bis Kokain für überteuerte Preise" verkaufen.
Skandalös? Skandalös ist vor allem die Art und Weise, wie ohne jede Prüfung der Schmähungen Name und Anschrift der Beschuldigten öffentlich gemacht werden. In den USA können sogar Bilder hochgeladen werden - zum Beispiel von vermeintlichen Sexualstraftätern.
Dabei kollidiert der legitime Wunsch nach Sicherheit mit dem Schutz der Angeklagten vor einem angestachelten öffentlichen Mob - und die Instrumentalisierung der Blockwartsmentalität wird scheinheilig in den Dienst der guten Sache gestellt.
Dass die Nachbarschaft eines Sexualstraftäters tatsächlich ein Risiko darstellen kann, ist die eine Sache - worum es den Betreibern der Seite aber gar nicht geht. Vielmehr stehen handfeste Maklerinteressen im Vordergrund, kann schließlich das Bekanntwerden eines dubiosen Anwohners den Wert eines Grundstücks deutlich beeinträchtigen: "living next to a sex offender could drastically reduce the value of your home or neigborhood". Und wer will das schon?
Profit vor Datenschutz - angesichts dieser Gewichtung möchte man nur noch auf einen New Yorker User hören, der Interessenten an seiner Wohngegend den gut gemeinten Ratschlag gibt: "GO!"
Alles rechtens, sagten Behörden, als der verdeckte Ermittler "Simon Brenner" enttarnt wurde. Doch Akten zeigen: Der Spitzeleinsatz war heikel. Betroffene klagen. von N. M. Bust-Bartels

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Im Schwerpunkt Überwachung legen wir ein besonderes Augenmerk auf die neuesten Auswüchse der Sammelwut und Kontrollgelüste von Staatsgewalt wie Konzernen. Und natürlich auf Datenpannen aller Art.
Foto: time. / photocase.com
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Ob Ei, Mehl, Schuh oder Torte, schon so mancher Politiker wurde in der Vergangenheit Opfer einer Zuschauerattacke. Wer hat was abbekommen?

Einfach nur gebrauchte Computer verkaufen ist ja wohl langweilig. In diesem Laden in Österreich gibt es außerdem Palatschinken, einen schnelldrehenden Flohmarkt und seeeeehr viele Hinweisschilder. Irre!

Leserkommentare
09.07.2008 10:22 | haatee
...dabei waren sogar bei Monopoly schon die roten Häuser die besseren...
08.07.2008 16:45 | Jochen
Letzlich schaden sich die Nachbarn, die ihre Nachbarn mit "roten Häusern" denunzieren, selbst. Spätestens dann, wenn sie ih ...
08.07.2008 10:00 | wirsindstasi
ist doch toll dass dann auch noch fuer die webseite werbung gemacht wird. kann man nur hoffen dass taz leser sich nicht auf ...