Nicolaus Sombart war in der Berliner Öffentlichkeit vor allem als Dandy und Erotomane bekannt. Dem Schriftsteller und Europabeamten ging es um das Paradies auf Erden.von EVA BEHRENDT

Das Caféhaus: ein adäquates, zeitloses Biotop für die Figur des Dandy. Bild: dpa
"Wir gehörten zu einer Generation, der letzten vermutlich, die mit dem selbstverständlichen Anspruch ins Leben geboren wurde, die Welt als Ganzes zu verstehen." Eine "Ungeheuerlichkeit" nannte Nicolaus Sombart, geboren 1923, den selbstbewusst-größenwahnsinnigen Anspruch, mit dem er in seinem Heidelberger Erinnerungsbuch "Rendezvous mit dem Weltgeist" (2000) sich und seine Freunde beschreibt: "Man musste die ,Zukunft denken'. Die Idee faszinierte, Avantgarde des Weltgeistes zu sein."
Zeitlebens begeisterte sich der Schriftsteller und Europabeamte für das Schmieden von Projekten und das Imaginieren der Zukunft. Eine Inszenierung von Goethes "Faust" für den Merkur nicht nur zu rezensieren, sondern sich gleich komplett selbst auszudenken, war typisch für den Sohn des Nationalökonomen Werner Sombart. Und natürlich identifizierte er sich mit dem "Weltverbesserer und Menscheitsbeglücker" Faust des zweiten Teils. Auch wenn Nicolaus Sombarts Utopie am Ende auf ein selbst gestaltetes, unabhängiges Leben hinauslief, ging es ihm im Grunde um das Paradies auf Erden. Weil er dafür Fantasie und Erotik ebenso in Betracht zog wie Wissenschaft und Technologie, saß er zwischen allen Stühlen.
Der (West-)Berliner Öffentlichkeit war er vor allem als Dandy und Erotomane bekannt, auch wenn den sonntäglichen "Tee" in seiner Wilmersdorfer Wohnung oft mehr akademischer Mittelbau zierte als die viel zitierten jungen Frauen. Nicolaus Sombart hatte diebische Freude daran, in seinen autobiografischen Büchern wissenschaftliche Diskurse mit seinen sexuellen Erfahrungen zu verschneiden. Am offenherzigsten tat er dies im 2003 erschienenen "Journal intime", in dem er neben diversen Amouren auch zahlreiche Bordellbesuche dokumentierte. Die deutsche Geisteswelt kam mit dieser Schamlosigkeit nicht zurecht. Preise und Auszeichnungen hat Sombart hierzulande denn auch - anders als in seiner zweiten Heimat Frankreich - nie erhalten.
Im kosmopolitisch-großbürgerlichen Professorenhaushalt wuchs Nicolaus Sombart zwischen der Bibliothek des Vaters, der bei seiner Geburt bereits 60 war, und dem Diwan der rumänischen Mutter auf. Nachbar Carl Schmitt lud den Abiturienten zu philosophischen Gesprächen über Geopolitik und Eliten in den Grunewald. Von dieser trotz Nazizeit so idyllischen "Jugend in Berlin" hat Sombart 1984 in seinem erfolgreichsten Buch erzählt. Nach drei Soldatenjahren und Gefangenschaft mischte der Student im Nachkriegsheidelberg bei der Gründung der "Gruppe 47" mit und promovierte bei Alfred Weber (dem Bruder von Max) über den frühsozialistischen Grafen Henri de Saint-Simon und begeisterte sich später für den Utopisten Charles Fourier, der die Liebe in "Familisme, Erotisme, Amitié" unterschied. Sombart heiratete Anfang der 1950er in Paris, wurde Vater von vier Kindern und arbeitete dreißig Jahre lang beim Europarat - unter anderem in der Sektion "Zukunftsforschung".
1983 siedelte er allein zurück nach Berlin. In den 1990er-Jahren schrieb er seinem kenntnisreichen, aber unakademischen Essay über "Wilhelm II. - Sündenbock und Herr der Mitte". Das originelle Werk fand vor der Historikerzunft keine Gnade. Mit Fourier war Sombart davon überzeugt, dass sich der zivilisatorische Fortschritt am Grad der Emanzipation von Frauen, Juden und Homosexuellen bemessen lasse. In "Die deutschen Männer und ihre Feinde" (1991) hatte er sich an Carl Schmitt ab, dem Mentor der Jugendjahre, abgearbeitet. Dem männerbündlerischen Freund-Feind-Denken des Staatsrechtlers, der die Nazis legitimieren half, setzte Sombart den polygamen Psychoanalytiker und Kokainisten Otto Gross entgegen. Die religiös-schwärmerische Emphase, mit der er Erotik, zumal in Form der versöhnlichen "Liebe zu dritt" feierte, zeigt aber, wie sehr er dieser Männerwelt verhaftet blieb.
Der Soziologe Sombart, der in den 1990ern oft auch in der taz publizierte, glaubte zwar an gesellschaftliche Mobilität, nicht aber an soziale Gleichheit. Er selber wollte "oben" sein und war der Albtraum aller Kellner, Taxifahrer und Krankenschwestern. Er konnte aber auch ganz auf Augenhöhe gehen, großzügig, frei und liebenswürdig im Denken und Anregen sein. Aufmerksam studierte er die Gedanken und Geschichten der Jüngeren, die ihn besuchten, Frauen wie Männer. Noch 2007 plante er eine Pilgerreise zu den Tempeln im indischen Katschurao. Erkrankt an Parkinson musste er sich schließlich in einer halluzinierten Parallelwelt einrichten. Vergangenen Freitag ist er in Straßburg gestorben. EVA BEHRENDT
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