Das Nordpariser Houselabel Ed Banger Records holt sich die Künstler aus der Nachbarschaft und seine Soundästethik aus dem Heavy Metal. Ein Treffen mit ihrem Produzenten Pedro Winter.von JULIAN WEBER
Er trinkt eine Cola, in der sich seine neonfarbene Baseballkappe spiegelt. Er trägt ein nachtschwarzes "Joy Division" T-Shirt und lacht in einer Tour: Pedro Winter ist dürr, hat strohblondes langes Haar und sieht aus wie ein Doppelgänger von Tennis-Ass Björn Borg. Eigentlich heißt er auch gar nicht Pedro, sondern Pierre. Den 33-jährigen Franzosen Pedro Winter, oder Busy P, wie er sich als Produzent nennt, kennt alle Welt vor allem als Impressario von Ed Banger Records. Und die Welt meint es momentan gut mit Pedro Winter.
"Gestern war ich in Paris mit meinem Duo Justice im Studio, die gerade einen Remix für die amerikanische Band MGMT produzieren. Morgen früh lege ich Platten in Berlin auf. In zwei Tagen fliege ich nach Los Angeles. Das ist eine Schlüsselstadt für Ed Banger. Rick Rubin hat uns dort gepusht. Ich gehe meistens irgendwo irgendwann zu Bett und stehe nach kurzer Zeit wieder auf. Aber wenn ich mich danach im Spiegel anschaue, bin ich glücklich über das, was ich bisher erreicht habe."
Pedro Winter ist jahrzehntelang fanatisch Skateboard gefahren und nahm die Welt nur aus der Perspektive der Half Pipe wahr. Bis er sich Anfang der Neunziger zu einem Jura-Studium durchringen konnte, das er gleich wieder schmiss, als er das House-Duo Daft Punk 1995 in Paris kennenlernte. Er hatte, wie er sagt, zwar keine Ahnung vom Musikbusiness, beschloss aber trotzdem, die Musiker, beide Anfang 20 wie er selbst, zu managen. "Headbanger Entertainment" nannte er das Unternehmen, ähnlich seiner Lieblingssendung "Headbanger's Ball" auf MTV. Winter brach mit Daft Punk alle bis dato gültigen Regeln für französische Popmusik: Sie sangen englisch,nicht französisch, ließen sich nicht fotografieren und traten nur mit Masken auf. Winter wurde vom Hype um die Band mitgerissen. Bald organisierte er Raves im Großraum Paris. "Ich war im richtigen Moment am richtigen Ort", sagt Winter, er wirkt dabei aber nicht etwa kokett, sondern aufrichtig euphorisch.
Vielleicht würde man ihm heute dennoch gar nicht gegenübersitzen, wäre da nicht der Sommer 2003 gewesen. Damals veröffentlichte Winter die Maxi "We are your friends" von Justice vs. Simian. Es war die zweite Single auf seinem kleinen Label Ed Banger, das er nach teils schlechten Erfahrungen in der Plattenindustrie mit zwei Freunden gründete. Erst wurde "We are your friends" nur vom einflussreichen deutschen DJ Hell gespielt, aber im Laufe des ungewöhnlich heißen Sommers und begleitet von Hells Credibility, ging der Track durch die Decke der europäischen Clubs und schoss hinein in die englischen Charts. Die Musik verunreinigt die chemische Formel von elektronischer Tanzmusik zu einer sozialen Fratze des Schönen, Tiefen und Guten. Statt Basslines und Beats trägt ein gesungener Refrain zum Wiedererkennungswert von "We are your friends" bei. Die Vokale der Gesangszeile werden gedehnt und wiederholt, so wie Iggy Pop seine Gebete bei den Stooges intonierte. Anleihen bei Hard Rock und Heavy Metal, vorher das absolute Tabu, waren durch "We are your friends" plötzlich salonfähig auf dem Dancefloor geworden. Eine Klangoption, aus der man sich zum Anschieben der elektronischen Disco nun nach Belieben bedienen kann. "Ich hatte von Anfang an das Bild eines Marshall-Verstärkerturms im Kopf, der mitten auf der Tanzfläche landet", sagt Pedro Winter. Die energische Kraft von "We are your friends" war die klare Absage an die zunehmende Ausdifferenzierung von Minimal Techno und seinem perkussiven Geklöppel. "To protect and entertain" ist das LabelMotto von Ed Banger Records. Statt kopfstarker Vibes feierte das Label die Übertreibungsgesten von Heavy Metal.
Verzerrer werden zum wichtigsten Effekt, auf vielen Label-Tracks ist die Musik absichtlich übersteuert nach vorne gemischt. Statt dem durchgehenden Four-to-the-Floor-Beat zu huldigen und hinter der Musik anonym zu bleiben, reißen Ed-Banger-Künstler wie Justice die Regler hoch und widmen sich auch live mit vollem Körpereinsatz ihrer Kunst. Live brechen sie ihre Tracks zuweilen mittendrin ab, weil, so scheint es, Justice das Ende gar nicht mehr abwarten können.
"Wir blasen unseren Lärm durch Verzerrer und machen ihn funky", beschreibt Winter die Produktions-Methode, "wie Metalgitarristen, die ihre Gitarren in den Soli mit der Tappingtechnik zum Wimmern bringen. Wir nennen das Jumpstyle. Die Leute sollen die Hände in die Höhe schmeißen und pogen."
Längst ist aus der Geste eine Klangschule geworden, mit Labels wie dem Pariser Institubes, den deutschen Boys Noiz, oder eben Ed Banger Records. Hört man sich "Decalcomania" vom Pariser Produzenten So Me auf der aktuellen Labelschau "Ed Rec Vol III" an, dann klingen dessen fiepende Signaltöne und Minisamples tatsächlich mehr nach schwergängigen Gitarrenriffs als nach ätherischen Synthieflächen. Die Dramaturgie-Ebene von elektronischer Musik hat sich mit dem Ed-Banger-Sound verschoben. Denn er schwingt sich nicht langsam zum Gipfel auf, er signalisiert den permanenten Ausnahmezustand, behauptet ein Leben als ewige Sektdusche auf dem Siegertreppchen. "Ich glaube, durch das Web 2.0 gab es einen Mentalitätswechsel", sagt Winter, "die Leute wollen sofort alles und kriegen sofort alles. Aber es stimmt trotzdem nichts."
In der Ed-Banger-Klangästhetik geht es nie um gesteigerte Virtuosität. Es geht um Entgrenzung. Es geht um drastische Lautstärke und um die leere Geste. "Ich habe nie behauptet, dass wir innovativ sind", räumt Winter ein. "Die Revolution in Klang haben andere vor uns gemacht." Auf seinem Blog hat Pedro Winter ein Foto von einem Schal gepostet, darauf der Slogan "Hooligan Disco". Hooligan Disco charakterisiert das große Druff-Druff-Potenzial von Winters Label perfekt. "Ja, klar, wir vermischen die Codes von Clubbing und Fußball auf spielerische Weise", erklärt er. "Nicht, dass wir Gewalt promoten, es geht um den Lustgewinn, den wir aus dem Lärm beziehen, und um unsere Freude, andere damit zu provozieren." Manchmal wird Ed Banger Records allerdings auch zum Opfer seiner eigenen Kommunikationsfähigkeiten. So geriet das Produzenten-Duo Justice (Xavier de Rosney und Gaspard Auge) kürzlich in die Schlagzeilen, als es in seinem auf YouTube zu sehenden, pseudo-dokumentarischen und hyperrealistischen Videoclip (Regie: Romain Gavras) nach Art des Spielfilms "La Haine" eine Gruppe junger Leute aus der Banlieu zeigte, die Passanten terrorisierte. Die Meinungen waren einhellig: Ed Banger Records veröffentlichen Musik von und für reiche Bürgersöhnchen.
Dabei stammt Pedro Winter aus dem 18. Pariser Arrondisement. Er ist im Norden der französischen Hauptstadt geboren und aufgewachsen, wohin der reiche Pariser Süden niemals seine Kinder in die Schule schicken würde, wie er sagt. Ed Banger Records ist nach dem Vorbild des Chicagoer Houselabels Dancemania und dessen "Bass-Music" modelliert. Seinen Künstlerstamm bezog Dancemania aus der unmittelbaren Nachbarschaft der Wohnsilos in der Chicagoer Westside und war organisiert wie die Soul-Familienunternehmen der Sechziger Jahre.
Der Künstlerstamm von Ed Banger Records ist eine Art Ersatzfamilie. Neben Busy P und Justice gehört der tunesisch-stämmige Produzent DJ Mehdi dazu, der einst als Produzent für den ersten großen französischen HipHop-Star MC Solaar arbeitete und heute angriffslustigen House macht. Da ist die Amerikanerin Uffie, die Busy P als 17-jährige Austauschschülerin entdeckte, als sie in Paris "Mode machen wollte" und nun als Jean Seberg des Auteur-Electro zusammen mit ihrem Produzenten Feadz nach den Disco-Kugeln greift. Und da ist Mr. Oizo, dessen subsonische Bass-Rutsche seit seinem Track "Flat Eric" die Darmflora auf dem Dancefloor in Ordnung bringt.
"Ich habe eine Gesamtschule besucht, in der Leute aus vielen unterschiedlichen Ecken waren, aber jeder seine Chance bekam. Mit Ed Banger versuche ich auch so etwas auf die Beine zu stellen. In Paris gibt es viele weiße Kids, die HipHop hören und sich anziehen, wie Schwarze, aber auch Schwarze, die Röhrenjeans tragen und Guns'n'Roses hören. Die Tatsache, dass bei uns Metal mit HipHop und House von einem Franko-Chinesen, einer Exil-Amerikanerin und einem französischen Tunesier zusammengemanscht wird, sagt doch schon alles."
Wo er in zehn Jahren stehen wird, wagt Pedro Winter nicht zu vorauszusagen. "We are your friends" sei zur Erkennungsmelodie einer Generation geworden. Winter vergleicht die Single mit "Blue Monday" von New Order, einem Track aus den Achtzigern. Und wie er New Order in seinem französischen Akzent ausspricht, klingt das wie New Odeur.
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