Lisa Ortgies musste die Chefredaktion der Frauenzeitung "Emma"-Redaktion verlassen. Warum? Chronologie eines juristischen Abenteuers.von PETER SCHEIBE
"In eigener Sache" - mit diesen drei Worten teilte die Emma-Redakteurin Alice Schwarzer mit, es sei "der Versuch gescheitert, die […] bisher als Autorin geschätzte, in Sachen Chefredaktion jedoch bislang unerfahrene Lisa Ortgies in diese Aufgabe einzuarbeiten", und auch die "Absicht, dies intern und einvernehmlich zu regeln". Mit einer peinlichen Chronologie auf der Emma-Homepage versucht Schwarzer zu erklären, warum Ortgies unfähig gewesen sei.
So beklagt man sich mit der noch vagen Angabe "Sommer 2007" darüber, Ortgies habe Schwarzer gedrängt, die Entscheidung über ihre Berufung zur Chefredakteurin "noch im Dezember öffentlich zu machen". Nicht nur die hierfür vorgetragene Begründung, Ortgies "müsse den WDR, wo sie einmal wöchentlich als TV-Moderatorin arbeitet, informieren", mutet recht abenteuerlich an. Es hätte auch völlig genügt, sich mit ihrem bisherigen Auftraggeber WDR über die Konditionen der weiteren Zusammenarbeit vor Abschluss des Vertrages bei dem feministischen Zentralorgan zu einigen.
Weiter beklagt sich die Emma-Redaktion im Internet, dass Ortgies ihre Stelle nicht bereits am 1. Januar, sondern erst am "1. April 2008" angetreten habe: "Für Alice Schwarzer und die Redaktion bedeutet das ab nun: Emma vollverantwortlich weitermachen - und gleichzeitig die neue Kollegin nicht nur in die spezifischen Emma-Abläufe einzuarbeiten, sondern überhaupt in die Tätigkeit einer Chefredakteurin. Denn die von Emma als Autorin sehr geschätzte Lisa Ortgies hatte bis dahin noch nie als Redakteurin oder Ressortleiterin, geschweige denn als Chefredakteurin gearbeitet." Um dieser "Überraschung" aus dem Wege zu gehen, hätte es ein einfaches Mittel gegeben - mit Ortgies keinen Vertrag abzuschließen, wenn sie nicht über die nötigen Voraussetzungen für diesen Job verfügt. Denn dass Ortgies zuvor nie als Chefredakteurin gearbeitet hat, war bekannt.
Am "29. Mai" und "30 Mai" überschlugen sich die "Ereignisse" derart, dass man bei Emma schließlich die Angabe von Stunden und Minuten für erforderlich hält. Unter dem "29. Mai 19.20 Uhr" wird eine Meldung einer Nachrichtenagentur zitiert und damit indirekt beklagt, dass es Ortgies war, welche der Öffentlichkeit ihren Rückzug als Chefredakteurin bekannt gab. Vielsagend heißt es in dieser Agenturmeldung: "Die Karriere der bekanntesten deutschen Frauenrechtlerin ist mit ,Emma' untrennbar verbunden. Das Magazin hatte sie auch einst ,ihr Kind' genannt." Damit dürften auch die eigentlichen Gründe auf den Punkt gebracht sein, warum Ortgies kein langes Dasein als Emma-Chefredakteurin beschieden war.
Interessant an dieser kurzen Meldung ist vor allem der einzige Satz, den Emma nicht zitiert: "Die Zeitschrift Emma hat eine Auflage von rund 40.000 Exemplaren." In ihrer aktuellen Anzeigenpreisliste gibt Emma die verkaufte Auflage dagegen mit 49.398, die Druckauflage sogar mit 70.321 Exemplaren an. Bei der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW), welche als unabhängige Einrichtung insbesondere für Anzeigenkunden den einzig verbindlichen Maßstab zur Auflagenhöhe und damit die Werbewirkung garantiert, heißt es zu Emma lapidar: "Titel/Anzeigenbelegungseinheit wird nicht mehr gemeldet."
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Leserkommentare
08.06.2008 06:40 | genughaberin
Die Reaktionen auf die "emma.de - Offensive", wie in der Taz oder in der Süddeutschen ("Alice bleibt Emma"), geben zu denke ...
06.06.2008 00:26 | devo
Unter "Chronologie eines juristischen Abenteuers." habe ich mir mehr versprochen. Es stimmt zwar: "Um dieser "Überraschung" ...
05.06.2008 12:33 | groso
Schön, mit dieser Meinung nicht alleine zu sein. Hatte mich auch schon sehr gewundert über die scheinbar nicht aufhörende B ...