Junge Intensivtäter haben erhebliche Suchtprobleme. Auch unter Migranten steigt der Drogen- und Alkoholkonsumvon ALKE WIERTH
50 Prozent der Jugendlichen, die von der Berliner Staatsanwaltschaft als Intensivtäter geführt werden, haben erhebliche Drogen- oder Alkoholprobleme. Der Kriminologe Claudius Ohder und der Psychologe Lorenz Huck, die die Akten der Intensivtäter ausgewertet haben, kommen deshalb zu dem Schluss, "dass der Stellenwert von Drogen unterschätzt wird". Es fänden sich überdies nur in 8 der insgesamt 264 ausgewerteten Personenakten Hinweise darauf, dass "ambulante oder stationäre" therapeutische Maßnahmen durchgeführt wurden. Etwa 70 Prozent der untersuchten Intensivtäter stammen aus Einwandererfamilien.
Dass der Drogen- und Alkoholkonsum unter jugendlichen Migranten zunimmt, beobachtet auch der Sozialpädagoge Hakan Aslan, der eine Jugendeinrichtung im Kreuzberg leitet. "Es war lange tabu, dass muslimische Jugendliche Drogen oder Alkohol nehmen." Aber der Konsum steige: Man wolle "Glücksgefühle erleben, die man sonst nicht hat", vermutet Aslan. Deswegen ändere sich auch das Aggressionspotenzial. Denn, so Aslan: "Wer ein ruhiger Mensch mit wenig Frusterfahrung ist, der bleibt auch ruhig. Aber wer viel Frust schiebt und Aggression aufstaut, der verliert die Kontrolle."
Auch Andreas Wolter, Leiter des Intensivtäterkommissariats für Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln, beobachtet einen Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft und Drogenkonsum. Seiner Beobachtung nach ist Cannabis, aber auch das Medikament Tilidin unter jugendlichen Gewalttätern verbreitet. Tilidin, ein Schmerzmittel, führe dazu, "dass junge Menschen eine völlige Gleichgültigkeit für die Folgen ihres Handelns haben". Es erzeuge überdies Schmerzfreiheit: Tilidinnutzer hätten "eine deutlich niedrigere Schwelle zum Widerstand bei der Festnahme", so Wolter. Manche reagierten selbst auf das Reizstoffsprühgerät nicht mehr.
Riza Kavasoglu arbeitet seit 25 Jahren in der Suchttherapie mit Migranten. Die Zunahme des Drogenkonsums, meint er, sei eigentlich "eine Folge von Integration". Migrationserfahrung spiele aber auch eine Rolle: "Wenn seelische Verletzungen und Gewalterfahrungen dazukommen, führt das zu der Neigung, andere zu verletzen." Manche Drogennutzer könnten sich schwer in die Lage anderer Menschen versetzen. Gerade deshalb sieht Kavasoglu in "Erziehungscamps" keine Lösung: "Junge Menschen brauchen Erziehungspersonen, denen sie sich nahe fühlen können. Durch solche Identifikation können sie lernen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und beziehungsfähig zu werden."
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