religion & leitkultur

Gott ist Privatsache

Wer glaubt, wird selig – wer nicht glaubt, kommt auch in den Himmel. In den westlichen, aufgeklärten Gesellschaften darf über Religion gespottet werden. Gotteslästerung ist kein Tabu mehr. Von Antiklerikalen und Atheisten als Befreiungsakt eingeübt, hat sie Tradition auf dem Weg zur säkularen Gesellschaft.

Kommentarvon EDITH KRESTA

Wie der Homosexuellenparagraf 175, der aufgrund neuer gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten gekippt wurde, ist daher heute auch der Anti-Blasphemie-Paragraf 166 im Strafgesetzbuch mehr als fragwürdig. Gott wurde entthront. Welche Ehrerbietung ihm gebührt, ist in unserer Gesellschaft Privatsache. Und auch in anderen Teilen der Welt bröckelt die Macht der Religionen. Nicht umsonst bekämpfen muslimische Fundamentalisten von Teheran bis Algier die „zerstörende Kraft der Moderne“, die ihrer Definitionsmacht den Boden entzieht.

Oft wird der Bedeutungsverlust des Religiösen erst sichtbar, wenn religiöse Minderheiten in unserer deutschen Leitkultur dem Spott der Spötter genauso ausgesetzt sind wie christliche Religionsgemeinschaften. Dann prallen kulturelle Standards aufeinander. An dieser Stelle erfordert nun die Political Correctness im Bewusstsein unserer Dominanz besondere Rücksichtsnahme – und macht damit die Religion der anderen zum Tabu. Das ist nicht nur heuchlerisch, sondern unterschlägt auch Konflikte, die sich aus dem Aufeinanderprallen unterschiedlicher weltanschaulicher Standards und Werte nun mal ergeben.

Exakt diese Konflikte aber müssen ausgetragen werden. So selbstverständlich wie hierzulande Frauen ihre Beine zeigen, Werbemacher nackte Busen und Männer Männer lieben, so selbstverständlich ist auch unser religiöser Spott. Wer würde denn ernsthaft fordern, dass Frauen auf dem Ku’damm keine kurzen Röcke tragen, um den Wertmaßstab eines vorbeischlendernden gläubigen Muslims nicht zu verletzen? Wie die Touristin im Iran in der Öffentlichkeit ein Kopftuch anlegen muss, so muss der gläubige Muslim hier Unbedecktheit ertragen.

Interkulturelle Kompetenz, die heute von der hiesigen Mehrheitsbevölkerung gefordert wird, kann dazu beitragen, Empfindlichkeit und Werte anderer Kulturen zu verstehen. Sie kann helfen, Missverständnisse zu beseitigen. Aber diese interkulturelle Kompetenz müssen auch Zuwanderer anstreben. Sich zu verschließen und die eigenen Normen zu überhöhen, schafft nur neue Mauern und Konflikte.

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