Seit mehr als 20 Jahren gibt es den Lüneburger Wagenplatz „Gut Wienebüttel“. Doch wie sieht das Leben im Bauwagen im Winter aus?von Thomas Joerdens

Jenseits der Konsumgesellschaft: Bauwagenplatz in Lüneburg. Bild: dpa
LÜNEBURG taz | Am Stadtrand von Lüneburg, nahe einer Landstraße, stehen 18 Wagen und eine Menge Krimskrams zwischen alten Laubbäumen und Tannen. Spielzeugtrecker, Tische, Bänke wirken verwaist auf dem matschigen Waldboden. Kein Mensch zu sehen. Aber hinter den Fenstern brennt Licht, und aus Ofenrohren quillt dicker Rauch.
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Seit über 20 Jahren steht der Wagenplatz Gut Wienebüttel an diesem Ort. Die derzeit 15 Erwachsenen und vier Kinder wohnen größtenteils auf dem Grundstück eines benachbarten Therapiezentrums, dessen Leitung die Wagenburg duldet. Von den anderen Nachbarn, dem Kulturforum Lüneburg, kommt der Strom. Telefon und Internet gibt es ebenfalls.
Ramona Schultz, Sozialpädagogin im Mutterschutz, wohnt seit sechs Jahren hier, in einem hellen Wagen mit doppelt verglasten Fenstern, Holzboden und weißen Wänden. Gerade hat sie den Allesbrenner mit Feuerholz gefüttert. Dass sie hier herzog, lag an dem „romantischen Wunsch“ vom Leben im Wald, sagt sie. „Ich wollte naturnah und nicht alleine wohnen.“
Auf dem Wagenplatz fand Schultz Nachbarschaft, Gemeinschaft, Freundschaft. Inzwischen fühlt sie sich auf Gut Wienebüttel so wohl, dass sie anbaut – auf einem zweiten Fahrgestell. Die junge Mutter zeigt auf das künftige spartanische Elternschlafzimmer: ein Hochbett. Darunter liegt das „Kinderzimmer“ für die einjährige Karla und gegenüber der Eingangstür ist Platz für die Küchenzeile. Für eine Familie sei ein Wagen auf Dauer zu eng, sagt Schultz. „Man braucht auch Rückzugsräume.“
Arne Wegener nickt. Er kommt aus Aurich und lebt mittlerweile seit neun Jahren auf dem Platz, so lange wie kein anderer. Mit seiner Freundin und der gemeinsamen Tochter teilt er sich ebenfalls zwei Wagen. Gerade hat ein Freund, der weggezogen ist, der Familie seinen Bauwagen geschenkt. Diesen will der gelernte Zimmermann und Heilerziehungspfleger zum Kinderwohnwagen ausbauen. Die dreieinhalbjährige Leevke freut sich jetzt schon.
Wegener rutschte über die linke Szene in die Wagenburg. „Ich wusste gar nicht, dass es so was gibt. Als ich das erste Mal herkam, war es Liebe auf den ersten Blick.“ Auf Gut Wienebüttel fand er die ersehnte alternative Wohnform jenseits der „Konsum- und Leistungsgesellschaft“.
Studenten, Pädagogen und Handwerker wohnen auf Gut Wienebüttel, sie sind zwischen Mitte 20 und Ende 50. Wegen der geringen Wohnkosten – jeder Bewohner zahlt monatlich 30 Euro für Strom und Nebenkosten in die Wagenburgkasse – reichen Teilzeitstellen oder unregelmäßige Jobs, um über die Runden zu kommen. So gewinnen die Wagenburgbewohner Zeit für sich, ihre Partner, Familien. Sie werkeln an den Wagen, probieren sich als Gärtner aus und leben die Wagenplatz-Gemeinschaft, von der hier alle reden.
Auf Gut Wienebüttel hilft man sich gegenseitig und übernimmt Aufgaben wie Hühner füttern. „Pflichttermine“ sind das monatliche Plenum oder das Sonntagskochen im Gemeinschaftswagen mit anschließendem „Tatort“-Gucken. Jeder muss Holz hacken und sollte bei anstehenden Projekten mitmachen.
Jüngst standen die Errichtung einer zweiten Komposttoilette an sowie eines Badehauses mit Sauna. Seitdem können die Wienebütteler auch im Winter auf dem Platz duschen und müssen nicht mehr ausweichen ins Fitnessstudio, ins Schwimmbad oder in die Wohnungen von Freunden und Verwandten.
Natürlich musste sich jeder an die eiskalte Klobrille auf der hochsitzartigen und zugigen Bio-Toilette gewöhnen. Ebenso ans Wasserschleppen, ans tägliche Heizen, an das einfache komfortfreie Leben.
„Der Alltag ist zwar aufwändiger, aber dafür viel unmittelbarer“, meint Annika Drews-Shambroom. Die 24-Jährige hat Umweltwissenschaften studiert und lebt wie fast alle Bewohner ökologisch bewusst. Sie kauft ausschließlich im Bioladen, verfeuert nur Holz, verbraucht wenig Wasser und produziert kaum Müll.
Schon als Teenager träumte Drews-Shambroom vom Leben im Wohnwagen. Vor drei Jahren im Winter kam sie nach Wienebüttel und wohnte zunächst acht Monate in dem fünf Quadratmeter kleinen blauen Gästewagen, bis sie einen eigenen Wagen gefunden hatte.
Der Wagenplatz versteht sich als offener Ort. Zu den Nachbarn im Kulturforum und im Therapiezentrum halten die Bewohner Kontakt, neugierige Spaziergänger werden spontan übers Gelände geführt. Und jedes Jahr lädt der Wagenplatz zum Tanz in den Mai und zum Sommerfest.
Auch mit ihren ein bis vierjährigen Kindern wollen die Wagenburgler bleiben. Müssen aber teilweise neu überlegen. So haben sie das Badehaus extra kindgerecht gebaut. Und die Anschaffung der ersten Waschmaschine steht mittlerweile ganz weit oben auf dem Wunschzettel.
Eine dauerhafte Rückkehr in eine Wohnung können sich die Wagenburgbewohner nicht vorstellen. „In einer Wohnung fühle ich mich jedes Mal eingeengt“, sagt Ramona Schultz. Platzsenior Wegener sieht noch einen anderen Aspekt: „Wenn ich ein Fenster einbauen will, dann mach’ ich das und muss keinen Vermieter fragen.“
Dass das im Sommer mehr Spaß macht als im Winter, ist klar.
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Leserkommentare
21.03.2013 17:42 | Thomas Jorg
Der Artikel gefaellt mir auch sehr gut. Da macht es mir auch nichts aus, dass wohl zur Illustration eine andere Wagenburg h ...
14.03.2013 09:15 | Arne Wegener
Netter Artikel, bloss ist das Foto leider vom falschen Wagneplatz, nämlich von den Kollegen vom Ebelingweg und nicht vom Pl ...